Bergnot

Joachim Caspary Private Website

In Bergnot
Texte von Joachim Caspary

Mehrmals geriet ich in Bergnot. Eigentlich waren es harmlose Unternehmungen ohne großen Gefährlichkeitscharakter. Die eintretenden Umstände führten jedoch dazu, dass die Unternehmungen leicht fatal hätten ausgehen können.

Vergessen im Himalaya

Im September 1973 wollten wir den tibetischen Mönch Lobsang, den wir kurz vorher kennen gelernt und mühsam einen Reisepass besorgt hatten, auf unserer Rückfahrt von Nepal Überland nach Deutschland mitnehmen. Kurz vor der Abreise erklärte er uns jedoch, nicht mitfahren zu können, ohne sich vorher von seinen Eltern vorher verabschiedet zu haben. Da diese jedoch in einem sehr abgelegen Dorf in den Bergen nahe der tibetischen Grenze wohnten, brauche er etwa eine Woche. Um dies zu beschleunigen sowie aus Abenteuerlust charterten wir, Françoise und ich sowie Marva, eine Münchner Yogalehrerin, einen Pilatus Porter, ein Kleinflugzeug welches auf extrem kurzen Bergpisten landen und starten kann. Mit diesem ließen wir uns auf dem Langtang Airfield absetzen. Dies war eine mit Enzian übersäte Wiese im Norden Nepals in 3.800 m Höhe, umgeben von über 6.000 m hohen Bergriesen. In der Nähe lag eine kleine Alm mit einer Handvoll ärmlichster Holzhütten. Vor der Landung meinte der Pilot, er wolle hier ein paar Landeübungen durchführen. Dies kam uns gerade recht und wir konnten die Gelegenheit nutzen, nach der Verabschiedung Lobsangs, der in sein einen Tagesmarsch entferntes Dorf enteilte, noch etwas die Gegend anzuschauen. Nach mehreren Landungen kam der kleine Flieger allerdings nicht mehr wieder zurück. Wir fragten uns, ob er wohl abgestürzt sei und sorgten uns um unseren Rückflug nach Kathmandu. Dort wartete unser lieber Hund Anamur am Flughafen im VW Bus auf uns.

Nach stundenlangem Warten verschwand die Sonne und es wurde schlagartig bitter kalt. Mit kurzen Hosen, T-Shirts und Sandalen sommerlich bekleidet, da es in Kathmandu am Ende der Monsunzeit noch sehr warm war, begannen wir erbärmlich zu frieren. Auf der Suche nach einer Notunterkunft trafen wir in einer der Hütten einen alten griesgrämigen Mann, der uns kein Obdach gewähren wollte. Es war allerdings die einzige Person weit und breit. Ohne jegliche Sprachkenntnisse beiderseits und mit einigen Rupien gelang es uns jedoch, den Griesgram zur Vermietung einer stinkigen Pferdedecke sowie eines Mantels zu bewegen, der so hart vom Schmutz war, dass er aufgestellt nicht umfiel. Gnädiger Weise wies er uns einen Anbau seiner Hütte, einen hühnerstallartigen Geräteschuppen zu, in den wir aneinandergeschmiegt unser Lager einnahmen. Nach durchfrorener und durchwachter Nacht wärmten wir uns an den ersten Sonnenstrahlen und kehrten dann zur Landewiese ins Tal zurück, in der Hoffnung auf ein Flugzeug, das uns abholen könnte. Es kam jedoch nichts und niemand. Langsam wurde der Hunger unerträglich und es gelang uns, den Griesgram zu bewegen, uns gegen Bezahlung ein paar verrunzelte alte Kartoffeln, sowie leihweise ein Messer und eine Topf zu überlassen, in dem wir über einem Feuer unter einem Felsen die Kartoffeln kochten. Später schlenderten wir in der Alm herum und plötzlich, beim Blick durch die Ritzen eines verschlossenen Holzschuppen, trauten wir unseren Augen nicht: Dort lagen Stapel von Käselaiben! Nachdem wir zuerst meinten, die Höhenkrankheit habe unseren Geist vernebelt und Halluzinationen hervorgerufen, baten wir den Almbauern, uns von einem der Käse ein Stück abzuschneiden, allerdings vergeblich. Wie wir später erfuhren, war der Mann der Wächter dieses Schatzes, der noch höher in den Bergen von einer durch Schweizer Entwicklungshilfe aufgebauten Käserei gefertigt, und hier vor dem Abtransport nach Kathmandu zwischengelagert wurde. Fast hatten wir die Hoffnung auf den Genuss des Käses schon verloren, als sich herausstellte, dass wir dem Käsehüter durchaus einen ganzen Laib mit unserem letzten Geld abkaufen konnten. Der riesige Käse war ein originaler Greyerzer und eignete sich ideal zum Fondue und Raclette. So fehlten uns zusammen mit den Kartoffeln eigentlich nur noch die Cocktailzwiebeln und eine Flasche Fendant zum vollendeten Genuss. Da weiterhin kein Flugzeug kam, waren die Nächte kein Spaß; wir kuschelten uns aneinander und unter den harten Mantel und die dreckige Decke und stupsten uns gegenseitig manchmal heimlich an, um zu sehen, ob der andere noch lebendig und nicht erfroren sei. Langsam bereiteten uns mental darauf vor, zu Fuß über mehrere Tage nach Kathmandu laufen zu müssen; und das ohne warme Kleidung, Bergschuhe, Zelt, Schlafsack, Sprach- oder Ortskenntnisse. Wir wussten ja nicht einmal genau, wo wir waren!

Nach mehreren Tagen vergeblichen Wartens auf Rettung nahe der schönen Edelweißwiese und Nächten knapp am Kältetod, kam dann kurz vor unserem geplanten Aufbruch doch noch ein Flugzeug mit einer polnischen Expedition zur Vermessung des nahen Langtang Gletschers und der Pilot nahm uns auf dem Rückflug mit nach Kathmandu. Den Grund dafür, dass sein Kollege uns mit dem von uns gecharterten Flieger hatte sitzen lassen, kannte er nicht – ein Unfall war nicht passiert – und wir haben ihn auch nie erfahren. Obwohl wir uns die ganze Zeit vorgestellt hatten, den Piloten zur Rede zu stellen, vorausgesetzt es habe keinen Unfall gegeben, war uns der Grund schließlich egal. Es obsiegte unser Drang nach einem warmen Bett und gutem Essen; nur Käse konnten wir Wochen lang nicht mehr sehen oder riechen.

Lobsang trafen wir dann zu dessen großen Überraschung in Bodnath wieder. Er war im Laufschritt ins Dorf seiner Eltern gerannt, hatte dort erzählt, sein Kloster schicke ihn zu einem Arbeitsbesuch nach Deutschland, und war am nächsten Tag zu Fuß und mit Bus nach Kathmandu geeilt. Seinem Abt hatte er übrigens vorher bereits vorgeflunkert, die Eltern würden ihn zu einem Familienbesuch nach Europa schicken. Er konnte ja beiden Seiten schlecht erklären, dass er als soeben ordinierter Mönch mit ein paar hippen Freaks überland nach Deutschland fahren will um dort in einer tollen WG wilde studentische Partys zu feiern. Lobsang war, nachdem man ihm gesagt hatte, wir seien seit Tagen nicht mehr gesehen worden, der festen Überzeugung, wir wären ohne ihn nach Europa abgereist. Daher war er nicht weniger erleichtert als wir, dass wir dieses gefährliche Abenteuer in den Bergen des Himalaya überlebt hatten!

Nachts auf vereisender Loipe im Bergwald

Mitte der 1980er Jahre hatten meine lieben Eltern mich und die Meinen zu einem Weihnachtsurlaub in das berühmte Schlosshotel Elmau in Tyrol eingeladen, das später fast völlig abbrannte und in dem im Juni 2015 der G7 Gipfel stattfand. Eines Nachmittags brach ich zu einem Langlauf auf der nahegelegenen Loipe auf. Ich beeilte mich, weil der Tag in dieser Jahreszeit kurz war und ich vor Dunkelheit wieder zurück sein wollte. In Unkenntnis der Streckenführung wählte ich eine langsam in den Wald hinaufsteigende Strecke und erwartete die baldige Kurve, die mich zurückführen sollte. Es ging jedoch immer weiter aufwärts und die Dämmerung brach herein, ohne dass die Loipe zurückführte. Bald sah ich hoch oben durch den Wald über mir die Sterne funkeln und unten im Tal die Lichter des Schlosshotels weihnachtlich leuchten. Nun machte ich endlich kehrt, um auf derselben Strecke hinunter ins Tal zu fahren. Inzwischen hatte die Temperatur wegen der Wolkenlosigkeit schnell abgenommen, so dass der vorher noch eher weiche Schnee sich in Eis verwandelte. Hinab in der Loipe war nicht mehr möglich, weil die Geschwindigkeit sofort zu hoch wurde und der Schnee knochenhart war. So entschloss ich mich, die Skier tragend direkt durch den schütteren Wald ins Tal hinabzusteigen. Bei jedem Schritt brach ich jedoch durch die nur Zentimeter dicke Eisschicht etwa einen Meter durch den darunter liegenden weichen Schnee ein und stieß mit dem Schienbein gegen die Eisschicht. Zuerst war ich ratlos, Handys gab es damals noch nicht. Dann begab ich mich zurück zur Loipe und rutschte mühsam, mich mit den Stöcken nach vorne abstützend, Meter für Meter mit vielen Stürzen die Loipe hinab. Nach langer Zeit und vor Kälte zitternd erreichte ich die warme, rettende Geborgenheit des Hotels, wo man sich schon wegen meines langen Fortbleibens gewundert hatte. 

In Regen und Dunkelheit über der Abbruchkante

Es war wohl in den 1990er Jahren, als ich an einem schönen Sommertag mit Ina und Hermann in den Tegernseer Bergen eine Wanderung unternahm. Beim Abstieg allerdings begann es immer stärker zu regnen und wir beeilten uns, über einen Waldweg schnell hinunter ins Tal zu kommen um unser dort geparktes Auto zu erreichen. Bei einer Serpentine meinte Hermann, es führe geradeaus auch ein Pfad, über den man vielleicht schneller, wenn auch etwas steiler hinunter käme. Wir verließen den Hauptweg, was sich aber als großer Fehler herausstellen sollte, als der Pfad immer unkenntlicher und steiler wurde. Zudem brach langsam die Dämmerung herein und es regnete immer stärker. Hierdurch wurde langsam der Waldboden immer glitschiger und bald hangelten wir uns, von Baum zu Baum an Ästen und Zweigen mit den Händen festhaltend, langsam dem Bergwald hinunter. An eine Rückkehr auf den Weg war wegen des steilen, rutschigen Waldbodens schon nicht mehr zu denken. Bald robbten wir nur noch langsam abwärts, uns mit Händen und Füßen im Waldboden festkrallend und immer wieder gegen Bäume rutschend, die uns hielten. Es war schon ziemlich dunkel, als wir bemerkten, dass wir uns knapp über einem Abbruch befanden. Der war zwar vielleicht nur zwanzig oder dreißig Meter tief, aber da über die Kante hinunter auf die herumliegenden großen Felsblöcke zu fallen, war sicher lebensgefährlich. Ina und Hermann verließen allmählich der Mut und die Kraft. Sie meinten, man solle doch besser hier übernachten und am nächsten Morgen weitersehen. Mir war der Gedanke an ein Notbiwak hier am Abgrund und ohne jeglichen Schutz vor Regen und Kälte nicht sympathisch und ich machte meinen Bergkameraden Mut, es ganz vorsichtig und langsam weiter zu versuchen, uns knapp über dem Abgrund entlang zu hangeln. Die Abbruchkante war in der Dunkelheit kaum zu sehen, aber wir hörten die Steine, die unsere Schuhe lösten, in die Schlucht hinunter kullern und unten aufschlagen. Mit letzter Kraft und Anstrengung entkamen wir der gefährlichen Situation. Der Boden wurde flacher und wir konnten endlich wieder gehen. Langsam lichtete sich der Bergwald, schweigend erreichten wir die Straße und schließlich auch unser Auto. Erschöpft und hungrig besuchten wir ein Restaurant um uns zu stärken. Nie hätten wir gedacht, in so einem „harmlosen“ Bergwald solcher Gefahr ausgesetzt werden zu können.



Joachim Caspary 2014

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