Bestohlen

Joachim Caspary Private Website

Bestohlen, betrogen und bedroht  

Text von Joachim Caspary

Es gehört sicher zu den weniger schönen Momenten des Lebens, bestohlen. betrogen oder bedroht zu werden. Leider ist mir solches auch gelegentlich widerfahren und ich denke ungern daran zurück. Für wichtig halte ich, daraus zu lernen, um in Zukunft eventuell begangene Fehler zu vermeiden. Noch wichtiger ist allerdings, aus den Erfahrungen anderer seine Schlüsse zu ziehen und auf das eigene Verhalten anzuwenden. Letzteres wird leider viel zu wenig getan. Es heißt: „Aus Fehlern wird man klug“. Dies gilt zwar nicht für alle Menschen, aber noch besser fände ich den Spruch: „Aus Fehlern Anderer sollte man klug werden“. 



Bestohlen und betrogen wurde ich mehrmals; manchmal waren es nur kleine Dinge, manchmal tat es aber richtig weh, und zwar nicht nur wegen des materiellen Verlustes, sondern auch des Vertrauensverlustes in Bekannte oder Fremde. Ein Taschendieb erleichterte mich im Menschengedränge bei einem Volksfest um etwas Geld, das ich unvorsichtigerweise in einer kleinen Tasche am Gürtel aufbewahrt hatte. Ein Unbekannter klaute mir das Buch „Mein Kampf“ von Adolf Hitler, das ich in der Bibliothek meiner Eltern gefunden und in meine Studentenwohnung mitgenommen hatte. Ein Freund, der geistig bemitleidenswerter Weise erkrankte und begann, mich zu mobben, stahl mir ein Buch und das Nummernschild meines Autos. Das alles war noch zu verschmerzen.


Unangenehmer war da schon, von Mitarbeitern meines Büros bestohlen und betrogen worden zu sein. Leider passierte mir das mehrfach und es war hart für mich, von Menschen, mit denen ich viel zusammen war und denen ich vertraute, derart hintergangen worden zu sein. Daraus lernte ich den Spruch „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ zu beherzigen und umzusetzen.

Eine Kollegin, eine hübsche Frau mit langen schwarzen Haaren welche mit ihrem eigenen Reisebüro, spezialisiert auf Indien, finanziellen Schiffbruch erlitten hatte, ging eine Kooperation mit mir ein. Sie erhielt für das Einbringen ihres Kundenstammes und ihrer Arbeitskraft einen festgelegten Teil ihres Umsatzes; ein fundamental dummer Fehler von mir. Erst nach Monaten bemerkte ich, dass sie mich hinterging, indem sie ihre touristischen Leistungen viel zu billig verkaufte, damit ihren Umsatz und ihre Provision in die Höhe trieb, ohne dass der verbleibende Gewinn dies rechtfertigte. Ich zahlte also drauf. Als sie merkte, dass ich dahintergekommen war, verschwand sie plötzlich für immer. Ich lernte daraus, zukünftige freie Mitarbeiter nicht am Umsatz sondern an den von ihnen erwirtschafteten Provisionen zu beteiligen, was hervorragend funktionierte.


Ein anderer Mitarbeiter, der früher ein Kunde war und den ich zufällig in einem abgelegenen Gebiet Tibets wieder traf, stieg in meiner Firma als freier Mitarbeiter ein. Er konnte recht gut verkaufen, gab aber viel mehr Geld aus, als er verdiente. Ich glaube, er war eigentlich kein schlechter Kerl, aber die Schulden drückten und so begann er nach einiger Zeit Kunden hohe Rabatte zu gewähren, wenn sie hohe Anzahlungen in bar weit im Voraus leisteten. Diese Gelder landeten aber nicht in der Bürokasse, sondern im Geldbeutel des Mitarbeiters. Eine Zeit lang gelang es dem Kollegen, seine Betrügereien zu verschleiern indem er mit neuen Anzahlungen die alten Fehlbeträge deckte, und so nicht auffiel. Dieses Schneeballsystem konnte natürlich nicht sehr lange gut gehen, bis es platzte und auch dieser „Mitarbeiter“ wieder verschwand.


Am schlimmsten trieb es aber jener Kollege, der dafür sorgte dass zwanzig tausend Deutsche Mark aus meinem Büro Safe verschwanden. Er war ein charmanter Bursche, der mir erzählte, sein Ziel bestehe darin, mit dreißig Jahren die erste Million zu besitzen und dann aufzuhören zu arbeiten. Dieses Ziel hat er gründlich verfehlt. Bei deinem Diebstahl ging er so raffiniert vor, dass ihm trotz Einsatzes der Kriminalpolizei nichts zu beweisen war und das Geld verschwunden blieb. Nachdem er mitbekommen hatte, dass an jenem Tag außergewöhnlich viel Bargeld von Kunden im Safe deponiert worden war, lud er bei Büroschluss mich und die anderen Kollegen zu einem Umtrunk in eine nahe gelegene Kneipe ein. Das war zwar ungewöhnlich, wurde aber von uns angenommen. Der wahre Grund lag darin, sicherzustellen, dass niemand von uns noch im Büro verblieb und er gleichzeitig ein Alibi hatte. Es ist noch zu erwähnen, dass sowohl er, als auch zwei weitere Mitarbeiter im Besitz von Büro- und Safe Schlüssel waren, ein bodenloser Leichtsinn meinerseits, gespeist aus Vertrauen und Bequemlichkeit.

Bevor wir zur Gaststätte aufbrachen, hatte besagter Mitarbeiter noch den Büroschlüssel aus der Handtasche einer anderen Kollegin stibitzt, in der Absicht, den Verdacht auf sie zu lenken. Während wir dann beim Bier zusammen saßen, hat wohl sein Mitbewohner, ein aus der Karibik stammender Musiker, mit den Schlüsseln des Mitarbeiters das Büro geöffnet und den Safe geleert. Noch am Abend rief mich die Mitarbeiterin, deren Schlüssel in ihrer Handtasche fehlte an und berichtete davon. Ich beruhigte sie und sagte, der Schlüssel werde sich wohl bald wieder finden. Tatsächlich fand sie tags darauf ihren Schlüssel in der Schublade ihres Schreibtisches, wohin ihn der betrügerische Mitarbeiter natürlich wieder deponiert hatte. Dies alles habe ich aus den ungewöhnlichen Umständen rekonstruiert. Da aber weder Fingerabdrücke einen Beweis lieferten, noch bei Wohnungsdurchsuchungen der Polizei etwas gefunden wurde, war niemandem etwas zu beweisen. Besagter krimineller Mitarbeiter legte später in einem anderen Reisebüro nach einem Gelddiebstahl sogar ein Feuer, um die Spuren zu verwischen. Obwohl die Polizei an seinen Armen Brandspuren fand, war ihm aber auch diesmal nichts zu beweisen. Dennoch ereilte ihn bald die gerechte Strafe: Er wurde, nur gut dreißig Jahre alt, nach einer Überdosis Drogen in seiner Wohnung tot aufgefunden. Millionär war er noch nicht.



Da mich meine Eltern glücklicherweise gewaltlos aufgezogen hatten und ich im Gegensatz zu ihnen auch keine Kriege erleben musste, hatte ich eine freie und freche Jugend erlebt. Ich hatte keine Ängste, aber auch keine Taktik entwickelt mit Bedrohung und Gewalt gegen mich umzugehen. So vermied ich von Gewalt geprägte Situationen und gab lieber einmal nach, als dass ich mich durchsetzte mit dem Risiko andere zu Gewalt provozieren. Da ich mit dieser Einstellung und Lebensführung eigentlich sehr zufrieden war, verweigerte ich den Wehrdienst und wurde nach und nach zum überzeugten Pazifisten. Gewalt gegen Mensch und Tier, besonders gegenüber Schwächeren, sind mir ein Gräuel. So war ich natürlich völlig aus der Fassung als ich zweimal erleben musste, in den Lauf eines gegen mich gerichteten Gewehres schauen zu müssen. Einmal war der Besitzer ein Afghane, einmal ein Chinese.



Joachim Caspary 2014

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