Im Alter von vier hatte ich im Gartenpool meines Elternhauses schwimmen gelernt und bin seither eine begeisterte Wasserratte. Segeln, paddeln, tauchen, Wasserski usw. sind mir immer eine große Freude gewesen. Als "Wasserratte" habe ich mich jedoch mehrmals in große Gefahr gebracht, die mir fast das Leben gekostet.
Ohnmächtig im Pool
Mit etwa zehn Jahren besuchte ich das Hallenbad meiner Heimatstadt Trier . Wie viele andere Kinder um mich herum, tobte ich im Becken und am Rand herum. Bei einem Kopfsprung bedachte ich nicht, dass der Boden in diesem Nichtschwimmerbereich kaum tiefer als ein guter Meter war. Daher stieß ich so heftig mit dem Kopf auf den Boden, dass ich kurz besinnungslos war. Glücklicherweise kam ich schnell wieder zu mir, bevor ich ertrank. Als ich mich mit heftigen Kopfschmerzen und unter Schock stehend an die Oberfläche erhob und nach Luft schnappte, war ich völlig erstaunt, das die direkt neben mir tobenden Kinder mich überhaupt nicht beachteten, der ich doch gerade dem Tode durch Genickbruch oder Ertrinken knapp entronnen war. Jahre später lernte ich einen Rollstuhlfahrer kennen, der durch eine ebensolche Dummheit seit seiner Kindheit querschnittsgelähmt ist.
Vom Wasserski fast erschlagen
Um das Jahr 1965, ich war etwa 17 Jahre alt, betrieb ich Wasserski zwei, drei Jahre lang als Leistungssport. Meinem lieben Vater hatte ich ein flottes Sportboot mit 75 PS Außenbordmotor abgeschwatzt, welches auf dem Stausee der Mosel in Trier am Steg des Wasserski Clubs vertäut war. Neben den sportlichen Aktivitäten fanden natürlich auch gelegentliche Lustfahrten statt; bei einer solchen ereilte mich auch mein erster Kuss von einer etwas älteren Schönen namens Brigitte.
Verschiedene Clubkameraden und Freunde fuhren das Boot während ich am Zugseil trainierte. Es machte meist Spaß, war aber auch hart, wenn es kalt war oder der Regentropfen wie Nadelstiche ins Gesicht stachen. Mit der Zeit erreichte ich einen so hohen Trainingsstand, dass ich an nationalen und internationalen Wettkämpfen teilnehmen durfte. Den meisten Spaß hatte ich aber als Pausenclown beim Unterhalten der Zuschauer am Ufer, z.B. mit einem auf ein Brett montierten Kinderwagen, in dem der Pudel „Dimi“ meiner Freundin Sigrid mit flatternden Öhrchen saß, oder auf einer runden Scheibe fahrend mit einem Barhocker darauf, auf dem ich saß, die Hantel mit den Füßen haltend, eine Zeitung in den Händen, Zigarette im Mund. Das alles natürlich in rasender Geschwindigkeit auf dem Wasser hinter dem Boot. Ich gehörte zu den ersten zehn Deutschen, welche die aus den USA herüber gekommene Kunst des Barfußlaufes erlernten und beherrschten.
Während eines internationalen Wettkampfes auf dem Main in Offenbach stürzte ich nach einem missglückten Sprung über die Schanze schwer. Meine Skier flogen hoch durch die Luft und ich purzelte, mich vielfach überschlagend, über das Wasser, bevor ich einsank. Wieder hochkommend erhielt ich plötzlich einen fürchterlichen Schlag ins Gesicht. Es war einer der schweren Sprungskier, der angeflogen kam und mich traf. Halb besinnungslos fasste ich nach meiner Nase und hatte die Hand voll Blut. Kurz verlor ich die Besinnung und bevor ich ertrank zogen mich Sanitäter in ein Rettungsboot. Mit dem Notarztwagen ging es ins Krankenhaus, wo die Röntgenaufnahmen den Bruch des Oberkiefers und Nasenbeins sowie Quetschung des Trigeminus Nervs ergaben. Die rechte Gesichtshälfte schwoll an wie eine Melone und das Weiß des Auges wurde blutrot. Tagelang konnte ich meinen Unterkiefer kaum bewegen und nur flüssige Nahrung zu mir nehmen. Meine arme Mutter war völlig aufgelöst und fürchtete um meine geistigen Fähigkeiten, weil ich nur einen Ton herausbrachte ähnlich dem von Chubacka in Steven Spielbergs Filmserie „Krieg der Sterne“. Das einzige was zurückblieb war jedoch nur eine gewisse Taubheit der oberen rechten Lippe und der rechten Gaumenhälfte; ansonsten könnte ich diese Zeilen nicht schreiben.
Auf der Loisach fast ertrunken
Im Mai 1988 war Lobsang aus Nepal zu Besuch bei mir in München. Ich hatte damals ein XR („Cross River“-) Trekking Boot gekauft und war begeistert von der Idee, Touren damit in Nepal zu veranstalten. Diese Boote sind eine Mischung aus Schlauchboot und Kajak und lassen sich zusammengelegt in einem Gestell auf dem Rücken tragen. Um Lobsang, der die Touren in Nepal organisieren sollte, einzuweisen, schlug ich eine gemeinsame Fahrt auf der Loisach unterhalb von Garmisch-Partenkirchen vor. Lobsang, der ebenso abenteuerlustig war, wie er schlecht schwimmen kann, willigte ein und schon waren wir auf dem Weg. Es war im April noch ziemlich kühl, als wir warm angezogen mit dem Boot vom Ufer nahe dem Ort Oberau ablegten. Um das Boot besser aus der Hüfte heraus steuern zu können, gurtete ich mich mit den zugehörigen Riemen am Sitz fest, was mir später fast das Leben gekostet hätte. Lobsang unterließ das Angurten glücklicherweise. Nach kurzer Fahrt wollte ich Lobsang das An- und Ablegen am Ufer gegen die Strömung beibringen. Er verhielt sich jedoch ungeschickt, wir verloren die Balance und schon trieben wir kopfüber im eiskalten, schnell dahin fließenden Wasser. Lobsang kam dank Schwimmweste schnell nach oben und ans nahe, rettende Ufer, während ich versuchte mit Schwimmbewegungen den Kopf zum Atmen über Wasser zu bekommen. Das an meiner Hüfte festgegurtete Boot hinderte mich jedoch daran, hochzukommen. Geübte Kajakfahrer machen in einem solchen Fall die „Eskimorolle“, aber bei diesem Boot sind die seitlichen Luftschläuche zu dick, um das Boot leicht zu drehen. Wie ich es schließlich, dem Ertrinken nahe, schaffte, die beidseitigen kleinen Gurtschnallen mit den Händen zu ertasten und durch seitliches Zusammendrücken zu öffnen, um endlich an die Luft zu kommen, kann ich mir bis heute nicht erklären. Nie vorher und nachher im Leben war ich dem Ertrinken so nah; da muss ein Schutzengel, wenn es denn einen solchen gibt, kräftig geholfen haben. Das Boot und die Paddel im schnell strömenden Fluss einsammelnd ans Ufer gelangt, musste ich lange im Gesträuch nach Lobsang suchen, bevor wir uns fanden und tropfend in die Bahnhofskneipe von Oberau begaben um uns aufzuwärmen, Geldscheine und Ausweise auf den Tisch zum Trocknen auszulegen und eine Abholung aus München zu organisieren, Denn meine Autoschlüssel liegen noch heute in der Loisach.
Panik beim Nachttauchgang im Südchinesischen Meer
Zu Beginn des Jahres 1989, nicht lange vor dem Massaker auf dem Platz am Tor des Himmlischen Friedens in Peking, organisierte ich eine Tauchreise zu Chinas südlichstem Badestrand, dem damals noch ziemlich unbekannten Ort Sanya auf der Insel Hainan. Unsere kleine deutsche Tauchgruppe gehörte zu den ersten ausländischen Touristen, die sich in diese exotischen Gefilde verirrten. Zum damals einzigen besseren Hotel Dadonghai gehörte gegenüber dem Parkplatz ein Nebengebäude, in dem im Erdgeschoß eine Polizeistation untergebracht war und im Obergeschoß ein Massagesalon. Auf unseren Tauchfahrten in die paradiesische Drachenzahnbucht wurden wir vom lokalen Fernsehen begleitet und wir konnten am Abend unsere Aktivitäten in den Nachrichten des Regionalsenders sehen.
Zusammen mit dem Tauchlehrer Charly organisierten wir als Highlight einen Nachttauchgang. Ich war noch nicht sehr taucherfahren, hatte ich doch erst kürzlich im Münchner Nordbad meinen Tauchschein erlangt. Charly ermahnte mich daher, im Dunkeln nie alleine zu tauchen und immer in seiner Nähe zu bleiben. Als unsere Gruppe vom Boot ins Wasser sprang und abtauchte, immer vorschriftsmäßig zu zweit, wollte ich mich auch dicht hinter Charly halten. Nachdem ich mich wunderte, dass ich ihm trotz Anstrengung nicht in die Tiefe folgen konnte, bemerkte ich, dass ich dämlicher Weise in der Aufregung und Dunkelheit vergessen hatte, meine Schwimmflossen anzulegen; sie lagen noch auf dem Boot. Um Charly nichts von meiner Ungeschicklichkeit merken zu lassen, schwamm ich zügig zurück zum Schiff, ließ mir die Flossen reichen, zog sie schnell an und folgte Charly in die dunkle Tiefe. Weit unter mir sah ich sein Blitzlicht aufleuchten. Angestrengt versuchte ich, die Gruppe zu erreichen, befand mich aber plötzlich in völliger Dunkelheit. Totale Stille umgab mich und ich verlor das Gefühl für oben und unten. In der absoluten Dunkelheit konnte ich mich nicht an der Richtung der aufsteigenden Luftblasen orientieren. Völlig die Verbindung zur Außenwelt verlierend, eroberte sich meiner ein Gefühl totaler Einsamkeit und Todesahnung. Ich schwebte völlig schwerelos wie im Weltraum, ohne jedoch Sterne sehen zu können; es war beglückend und beängstigend zugleich. War es mir beschieden, mich hier einsam im südchinesischen Meer zu verlieren, von der Strömung irgendwohin getrieben zu werden und in die Ewigkeit einzugehen bevor mein Körper einem Hai zur Nahrung gereichte oder in einem Fischernetz hochgezogen wurde? Nach einer Weile, gegen aufkeimende Panik ankämpfend, kam ich wieder zur Vernunft und wollte gerade sanft Luft aus der Flasche in die Weste pumpen um langsam an die Oberfläche aufzusteigen, als ich in der Tiefe wieder eines winzigen Blitzlichtes gewahr wurde. Als ich Charly erreichte machte dieser nur eine Geste, mit der er andeutete, wo ich denn endlich bliebe. Niemand ahnte welch fundamentale Emotionen der Einsamkeit und Todesnähe mich in den wenigen Minuten heimgesucht hatten.
Joachim Caspary 2014