Wir gedenken Ingeborg Caspary, deren unglaubliche Kraft viel bewirkt hat, manchmal jedoch auch anstrengend sein konnte.
Am 4. Mai 1908 wurde meine Mutter als Tochter von Martin und Else Gassner in Trier geboren. Der Vater changierte zwischen unerbittlicher Autorität des preußischen Offiziers und zartfühlendem Verfasser von Kindergeschichten. Die Mutter verband hohe traditionelle Werte bezüglich Moral, Sauberkeit, Ordnung, Haushalts- und Personalführung mit künstlerischen Ambitionen.
Dieses Spannungsfeld zwischen Tradition und Aufgeschlossenheit hatte ebenso maßgeblichen Einfluss auf das Leben meiner Mutter, wie die Ambivalenz zwischen einer von Geldsorgen, aber hohen kulturellen Ansprüchen geprägten Jugend und dem späteren Leben an der Seite einer wohlhabenden, geachteten Persönlichkeit. Ihr Leben wurde ein Spagat zwischen Konservatismus und Bohème. Hinzu kamen die vielfältigen Erfahrungen zweier Weltkriege.
Bald nach der Schule entfloh meine Mutter den Zwängen des Elternhauses, absolvierte eine Ausbildung in rhythmischer Gymnastik bei ihrer verehrten Meisterin Hilda Senff (1928) in Düsseldorf und verdiente sich bald eigenes Geld mit Unterricht. Neben ihren Interessen an Theater, Musik und Malerei, erwarb sie Erfahrungen mit verschiedenen Sportarten, wie Reiten, Tennis, Segelfliegen und Wasserski, in den damaligen Zeit gewagte Unternehmungen für ein allein stehendes Mädchen mit strenger Erziehung und wenig Geld.
Auf dem Tennisplatz machte sie die Bekanntschaft mit dem begehrtesten Junggesellen der Stadt. Nach traumhafter Einheirat in ein wohlhabendes Haus begann ein in geistiger und materieller Hinsicht erfülltes Leben. Theater, Konzerte, Besichtigungsreisen in ganz Europa wurden unternommen. Amouröse Eskapaden des Ehemannes durchschaute sie genau so schnell wie die Tatsache, dass Ihre gelebte Toleranz ihn nur noch fester an sich binden würde. Trotz oder gerade wegen ihrer unterschiedlichen Charaktere hatten sich die beide eine gut funktionierende Rollenverteilung zwischen Firma und Haushalt gegeben, die von traditionellen Werten ebenso geprägt war, wie von praktischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten, sowie moderner Aufgeschlossenheit.
Dann jedoch brach die Katastrophe des Krieges über die junge Familie herein mit hingebungsvoller Pflege von Verwundeten als Rotkreuzschwester, Flucht vor den Bombenflugzeugen über Trier und entbehrungsreichem Leben in dem Bauerndorf Rimsting im Chiemgau, Zerstörung fast des gesamten Besitzes und der Firma, sowie Kriegsgefangenschaft des Familienvaters und Ehemannes.
Danach kam die Zeit des Wiederaufbaus, des Wirtschaftswunders. Die Söhne wuchsen heran und wurden in ihrer Ausbildung bestens gefördert. Der verwöhnte Nachkömmling musste den Eltern, nach eigenem Einverständnis, helfen, die neue Zeit zu verstehen. Der Wiederaufbau der Brauerei war erfolgreich, 1965 wurde das nach ihren Ideen entworfene großzügige neue Heim in der Heiligkreuzer Heinrich-Weitz-Straße bezogen. Ein anspruchsvolles Leben erfüllt mit Konzert- und Theaterbesuchen, Einladungen und Reisen wurde wieder aufgenommen. Meine Mutter malte, musizierte und belegte noch 1977 und 1978 zwei internationale Dirigentenkurse der Trierer Universität bei ihrem neuen verehrten Meister Sergio Celebidache.
"Kultur" war eines ihrer Lieblingswörter. Sie verstand es allerdings in einem gewissermaßen fundamentalistischen Sinne. Kultur war die Pflege der gesellschaftlichen, künstlerischen, moralischen Traditionen, die aus den griechisch- römisch- germanisch- christlichen Vorstellungen gewachsen und ihr von ihren Eltern als absolut gültig anerzogen worden waren. Musik, Schauspiel, Malerei und Architektur stand dabei im Vordergrund. Für Vorstellungen von alternativ-gleichwertigen Kulturen war da wenig Platz in ihrer geistigen Welt. Es gab nicht "Kulturen" oder "eine Kultur", sondern nur "die Kultur". Diese Einschränkung trug vielleicht mit dazu bei, dass Ihre drei Söhne weltweit kulturelle, geschäftliche und familiäre Aktivitäten entwickelten und Bindungen eingingen.
Neben dem Hochhalten ihrer kulturellen Verpflichtungen sah sie es als zweite Lebensaufgabe an, die familiären Verbindungen aufrecht zu erhalten. Sie initiierte und besuchte gerne Familienzusammenkünfte aller Art und unterstützte ihre neun Enkel.
Mit zunehmendem Alter geriet das Ehepaar jedoch mehr und mehr in die Situation, die biologische Vergänglichkeit von Angehörigen und Freunden erfahren zu müssen. Nach Wegzug der Söhne aus dem schönen Haus in der Heinrich-Weitz-Straße fand ein altersbedingter allmählicher Rückzug aus dem kulturellen und gesellschaftlichen Leben in Trier statt.
Bis ins hohe Alter erhielt meine Mutter sich ihre erstaunlich scharfsinnige Kritikfähigkeit, welche von vielen bewundert, von manchen aber auch gefürchtet wurde. Diese Eigenschaft bezog sich besonders auf kulinarische und kulturelle Gegebenheiten, sowie auf Personen. Die Schattenseite dieser Gabe war allerdings, dass es ihr zunehmend nicht mehr bewusst wurde, wie sie andere mit ihrer Kritik verletzte, eine Tatsache, die zum völligen Bruch der Beziehungen zu Einigen, auch Nahestehenden, führen musste.
Als ihr Mann Dr. Rudolf Caspary im November 1989, kurz nach dem Fall der Berliner Mauer und fünf Wochen vor seinem 93. Geburtstag von uns ging, wurde es einsam um meine Mutter. Es war das Ende einer wunderbaren, fast idealen Ehe. Meine Mutter ehrte das Andenken ihres Mannes lange Zeit durch Bilder und Blumen auf einem Tisch im Zentrum des Hauses, der hierdurch regelrecht den Eindruck eines Altares erweckte. Ihre Trauer war groß und währte lange, ihre Stimme wirkte gebrochen und mancher hatte den Eindruck, es würde nicht viel Zeit vergehen, bis Sie wieder mit ihrem Manne vereint sein würde.
Sie lebte seinem Wunsche gemäß weiterhin alleine in dem schönen Haus in Trier, welches sie nach der Zerbombung des Hauses in der Hindenburgstraße mit großer Mühe und Liebe erbaut und ausgestattet hatte. Hier sah sie sich als Hüterin der kulturellen Traditionen der Stadt Trier und der Familie Caspary.
Zunehmend vereinsamt jedoch, unter den Belastungen des großen Hauses fast zerbrechend, half ihr zur Überraschung Aller, wiederum ihre große Lebenskraft, einen radikalen Schritt zu wagen. Sie verkaufte das Haus und zog kurz nach ihrem 86. Geburtstag, nach München Schwabing. So fand sie wieder die unmittelbare Nähe ihres jüngsten Sohnes, der fast dreißig Jahre vorher, ihrer übergroßen Bemutterung bis in den Fernen Osten Asiens entwichen war. Es gelang ihr, fast alleine, den Trierer Hausstand aufzulösen und mit dem "Rest" in drei Lastwagen am 9. Mai 1994 in der Siegfriedstraße zu erscheinen, um sich die schöne Altbauwohnung geschmackvoll und gemütlich einzurichten.
Eine Zeit lang konnte sie sich noch ihre wichtigsten drei Anliegen verwirklichen:
- Durch Besuch von Theatern, Konzerten und Ausstellungen am künstlerischen Leben Münchens teilzunehmen
- Reisen in den Chiemgau, ins Allgäu, und sogar nach Italien zu unternehmen
- Und für die große Familie mit drei Söhnen und neuen Enkeln ein kleines Zentrum der familiären Begegnungen zu unterhalten, vor allem dank kulinarischer und kultureller Verlockungen.
Den Umzug nach München hat sie keine Sekunde bereut.
Obwohl allmählich ihre geistigen und körperlichen Kräfte nachließen, gelang es ihr weiterhin, Personal zu beschäftigen und ihre Lieben auf Trab zu halten. Über Geld sprach man nicht, man hatte es und gab es aus. Nur das Teuerste war gut genug.
Am 14.02.2001 stürzte sie in der Nacht und brach sich Arm und Becken. Enkelin Maya, im Gästezimmer schlafend, und Sohn Joachim konnten sie rasch ins Krankenhaus bringen. Hier wurde sie über einen Monat lang von Ärzten und Pflegern freundlich und fachkundig betreut sowie von Kindern und Enkeln liebevoll umsorgt. Das Krankenzimmer wurde in ihren letzten Tagen zu einer wahren familiären Begegnungsstätte.
Am frühen Morgen des 19. März starb sie friedlich im Beisein ihrer Enkelin Lore, ebenso fünf Wochen vor ihrem 93. Geburtstag wie vorher ihr geliebter Ehemann Rudolf.
Joachim Caspary
März 2001