Heute ist es schon mehrere Jahrzehnte her, dass in Berlin die Mauer zwischen den beiden deutschen Staaten durch ein Missverständnis geöffnet wurde und die Wiedervereinigung ihren Lauf nahm. Eine Zeitzeugin, welche damals mit einer jubelnden Menschenmenge durch den offenen Grenzübergang ging, fragte spontan einen der uniformierten Grenzsoldaten, ob dieser sich nicht auch freue und bekam zur Antwort: „Dazu habe ich noch keine Instruktionen.“ Was könnte deutlicher als diese Worte entlarven, dass der Militarismus nicht nur das Hirn, sondern auch das Herz der Menschen weg bläst.
Mehrmals war ich in Berlin gewesen. Als Kind besuchte ich gelegentlich meine Tante Luise Gassner, Schwester meiner Mutter. Sie lebte ehelos in der Takustraße 45 im Ortsteil Dahlem.
Späte fuhr ich öfter nach Berlin, um die ITB (Internationale Tourismusbörse) zu besuchen. Die Kontakte zu den DDR Grenzwächtern waren mir immer sehr unangenehm. Das militärisch autoritäre Gehabe, die strengen Blicke, bohrenden Fragen, peniblen Untersuchungen des Autos, das alles missfiel mir sehr, womit ich natürlich nicht alleine war.
Einmal, in den 1980er Jahren, fuhr ich mit Frau und Kindern durch die DDR und musste am Grenzübergang die üblichen schikanösen Behandlungen über mich ergehen lassen. In einer überfüllten, verschwitzten Kammer mussten wir lange warten und Maya, vielleicht fünf Jahre alt, setzte sich mangels Platz auf die Lehne eines abgewetzten Sofas. Ein Beamter schnauzte sie darob so an, dass das Kind bitterlich zu weinen anfing.
Ein andermal fuhr ich mit Lü-Yün in unserem VW Campingbus von West- nach Ostberlin. Ich wollte ihr einmal den Ostteil der Stadt zeigen. Am Grenzübergang blickte der Grenzpolizist in das Auto und fragte: „Haben Sie etwas anzumelden, Funkgeräte, Drogen, Waffen, Pornografie…“ Als ich sagte, ich habe nur vielleicht das Autotelefon anzumelden, bekam ich barsch zur Antwort, warum ich das denn nicht gleich gesagt habe. Meinen Einwand, er habe mich ja bisher noch nicht zu Wort kommen lassen, wies er ab mit den Worten: „Dass ich das Telefon nicht sofort gemeldet habe, ist eine Straftat nach den Gesetzen der DDR“, und ich solle jetzt in die Wache mitkommen. Eingeschüchtert folgte ich ihm, dort meinte er, er wolle noch mal Gnade vor Recht ergehen lassen. Dann musste ich ein langes Formular über die vorübergehende Einfuhr von Funkanlagen ausfüllen und durfte eine saftige Gebühr für das Nichtbenutzendürfen auf dem Gebiet der DDR zahlen.
Als wir dann in München im Jahre 1989 die Öffnung der Mauer im Fernseher miterlebten, war ich so begeistert, dass ich eine Flasche Sekt öffnete und wir uns dann in einem Restaurant ein besonders gutes Essen leisteten.
Ich bedauerte damals aufrichtig, nicht in Berlin dabei gewesen sein zu können und erlebe heute bei der Erinnerung daran noch starke Emotionen, die mich zu Tränen rühren.