Mehrmals im Leben bin ich umgezogen. Anfänglich waren mir Nachbarschaften ziemlich egal, suchte ich mir meine Freunde doch selber aus. Mit zunehmendem Alter lernte ich dann, das ein gutes Verhältnis zu den Menschen, die in der unmittelbaren Nähe wohnen, viele Vorteile bringt und das Umgekehrte genauso gilt. Dies bezieht sich sowohl auf das allgemeine Wohlbefinden beider Seiten, als auch auf das Bedürfnis auf Ruhe, Sicherheit und Lebensfreude. Ebenso wie ich diese Beziehungen anfänglich vernachlässigte, und dem Zufall überlassen hatte, begann ich vermehrt, sie aktiv positiv zu gestalten.
Vom Elternhaus in die Kaserne.
Selten in meinem Leben habe ich so viel geweint, wie auf meiner ersten Fahrt von Trier nach Wolfhagen, nahe der Zonengrenze. Spürte ich doch intensiv das Ende meiner beschützten und verwöhnten Jugend. Nachdem ich im Haus Heiligkreuzerstraße 58 nach dem Auszug meiner Brüder sechs Zimmer für mich gehabt hatte und nach dem Umzug in das neue Haus in die Heinrich Weitz Straße 12 immerhin noch drei, musste ich fortan in der Kaserne das Haus mit 100, und mein Zimmer mit fünf anderen Personen teilen. Dies gestaltete sich naturgemäß nicht immer leicht. So brachte ich einmal vom Wochenendurlaub ein keines Fernsehgerät mit, was zu jener Zeit noch sehr unüblich war. Damit machte ich mich bei den Stubengenossen zwar beliebt, musste jedoch forthin in der Freizeit immer Fußball schauen, was mich im Gegensatz zu den Anderen völlig langweilte. Die gelegentlich von den Heimfahrten aus der Brauerei für mich kostenfrei mitgebrachten Bierfässer ließen mich in der Achtung der ganzen Kompanie sehr steigen. Um das Bier nicht warm werden zu lassen, mussten die Fässer jeweils gleich am Abend der Ankunft geleert werden. Die Vorgesetzten waren beim montäglichen Morgenappell dann meist konsterniert darüber, auf welch wackeligen Beinen die Kompanie in der Kälte stand. Auch die abendlichen Ausfahrten nach Dienstschluss in die nahe Stadt machten mich bei den Kameraden beliebt, konnte ich in meinem VW-Bus doch etliche von ihnen mitnehmen; nur wenige hatten damals schon ein Auto. Gelegentlich habe ich allerdings den Bogen etwas überspannt, wenn ich bei der Fahrt in die Kaserne hinter den Gardinen Mädchen einschmuggelte, was natürlich streng verboten war. Die Beliebtheit bei meinen Kameraden geriet dann in krassen Gegensatz zu der bei meinen Vorgesetzten.
Studentenbude in München.
Mein erstes Zimmer als Student in München bezog ich als Untermieter in der Schwabinger Nordendstraße 7. Von den Nachbarn kann ich mich nur noch an den Hausmeister erinnern, und zwar mit recht unangenehmem Gefühl. Von dem alten dünnen Mann fühlte ich mich stets beobachtet wie von einen Gestapo- oder Stasi- Spitzel. Wahrscheinlich war ich ihm ebenfalls sehr suspekt mit meinem lockeren Auftreten, den zunehmend langen Haaren und den seltsamen Gestalten, die mich besuchten. Es war schließlich das Jahr 1968.
Das getrübte Verhältnis zum Hausmeister wurde endgültig zerrüttet durch ein Versehen der damals teilweise bei mir wohnenden Françoise: Da dieser die Bedeutung der verschiedenen Knöpfe an der Haussprechanlage, welche nach dem Abnehmen des Hörers eine Sprechverbindung sowohl zur Eingangstür als auch zum Hausmeister ermöglichte nicht klar war, drückte sie bei Besuchen einfach alle Tasten. Damit bediente sie sowohl den Türöffner der Eingangstüre als auch die Klingel beim Hausmeister. Verwundert waren wir dann immer, wenn nicht nur unsere meist langhaarigen Besucher vor der Wohnungstür erschienen, sondern auch noch der schimpfende Hausmeister, den wir zwar versehentlich herbei geklingelt hatten, aber stets nicht weiter zu beachten pflegten, und diesem dann noch für ihn wohl entsetzliche Musik und / oder verdächtige Gerüche aus meinem Zimmer entgegen quollen.
Kein Wunder, dass ich bei der Vermietungsgesellschaft als Mieter abgelehnt wurde, als ich das Untermietverhältnis in ein ordentliches Mietverhältnis ändern wollte, nachdem die Hauptmieterin Marion Sommer aus Trier die Wohnung aufgab.
Daraufhin zog ich ganz in die Nähe in die Barerstraße 55. Hier ist mir als Nachbar nur noch ein sehr freundlicher Inder, Herr Chopra in Erinnerung, der gegenüber einen Klamottenladen betrieb und uns eigentlich das erste Mal mit der indischen Kultur bekannt machte und unser Interesse daran weckte.
Wohngemeinschaft in Weißenfeld.
Die näheren Umstände des Umzugs von Schwabing in das Kuhdorf Weißenfeld und in das Haus „Am Sommerfeld 15“ seien an anderer Stelle ausgeführt. Die neu erbaute Reihenhaussiedlung wurde, nachdem wir als erste in das halbfertige Haus eingezogen waren, nach und nach etwa zur einen Hälfte von „Normalfamilien“ und zur anderen durch Wohngemeinschaften bezogen. Diese in einem winzigen Dorf vor den Toren Münchens ungewohnte und neuartige Form des Zusammenlebens von Studenten und anderen jungen Leuten verschiedenen Geschlechts und Nationalitäten war anfänglich sowohl den neu zugezogenen Normalfamilien als auch noch mehr den alteingesessenen Bauern sehr suspekt. Der Schuldige war ich, hatte ich doch um die Zimmer im von mir gemieteten Haus zu belegen, Zettel in der Uni- Mensa aufgehängt, um Untermieter zu finden. Nachdem mein Haus belegt war, gab ich den Hinweis, dass die anderen Häuser teilweise noch nicht vermietet seien; ein Umstand, der daraufhin nicht mehr lange anhielt.
Interessant war, dass in jeder WG Gesinnungsgenossen zusammenfanden, aber von Haus zu Haus gänzlich unterschiedliche Philosophien gepflegt wurden: Da war z.B. das Haus mit den „Jusos“ (SPD Jugend), das mit den „DKPisten“ (DDR-Ideologen), den“ KPDisten“ (Maoisten), den „Jesus People“ (urchristliche Gruppe) sowie den Sanjassins (Anhängern) des indischen Kindgottes „Guru Maharaji“. Das Thema meines Hauses war weniger ideologisch als international geprägt: Da wohnten mit uns Studenten (ich studierte Jura an der LMU, Françoise Keramik bei Prof. Esser an der Kunstakademie) mal die Krankenschwester Brigitte, mal der Flugzeugbau Ingenieur Michael, mal mein schottisches Au-pair Mädchen (ein liebes Ding, aber so hässlich, dass keiner sie vögeln wollte, ihren Namen habe ich auch vergessen) mal der Ägypter Abdullah, mal der Japaner Akira Akisuki, mal der indische Jogiraj Balaram Salaram Sahu, mal der tibetische Mönch Thupten Lobsang Lama.
Alle diese Gruppen in den verschiedenen Häusern waren sich gegeneinander zwar suspekt, sie einte jedoch die Jugend, die Lust an wilden Partys sowie die kritische Haltung gegenüber der traditionellen, katholischen, bayrischen CSU Nachbarschaft. Im Nachhinein ist mir bewusst, dass die Situation für die Alteingesessenen eine ziemliche Zumutung gewesen sein muss. Ein typisches Erlebnis war ein sommerlicher sonntäglicher Kirchgang der Bauern mit ihren Kindern an unserem Garten vorbei, in welchem der bärtige Michael nach durchzechter und durchkiffter Partynacht nackt auf dem Rücken in der Wiese schlafend lag.
Mit meinen direkten Nachbarn, einer freundlichen Normalfamilie mit Zwillingen, einigte ich mich auf das provisorische Aufrollen des trennenden Gartenzaunes, und diese taten das Gleiche mit ihren Nachbarn, so dass wir mehrere Gärten gemeinsam nutzen konnten. Das anfangs schwierige Verhältnis zu den alteingesessenen bäuerlichen Nachbarn entspannte sich allmählich, als man dort Milch und Eier kaufte und sich dadurch langsam etwas kennen lernte.
Schwabinger Trautenwolfstraße.
Im Jahre 1975 war ich der Fahrerei von Weißenfeld in die Uni nach München Schwabing überdrüssig. Françoise war in die Schweiz zurückgezogen, die Scheidung war gerichtlich abgeschlossen und das Vormundschaftsgericht hatte mir das Sorgerecht für Maya zugesprochen. Ich hatte mein Jura Studium kurz vor dem Ende abgebrochen und begonnen, Sinologie und Indologie zu studieren. Durch einen Zufall lernte ich ein österreichisches Paar kennen, die in der Trautenwolfstraße 1 eine Wohnung hatten. Das Sinologie-Institut der LMU hatte seine Räume damals im Nachbarhaus Trautenwolfstraße 3, und als ich hörte, dass das besagte Paar nach Österreich zurückziehen wollte, bewarb ich mich flugs beim Hauseigentümer als Nachmieter. Eigentlich machte ich mir keine große Hoffnung, hatte ich doch schon so meine Erfahrungen mit Vermietern gemacht. Aber ein weiterer glücklicher Zufall wollte es, dass die Vermieter weitläufig mit der Familie der Frau meines Bruders Hans, einer bayerischen Gräfin, verwandt waren. Vielleicht half dies und ich bekam die Wohnung, die ich viele Jahrzehnte behielt. In einer solchen Stadtwohnung hat man meist nicht viele Kontakte mit den Nachbarn; jeder geht seiner Wege und will seine Ruhe. Unruhe und Lärm von außen gab es schon genug.
In der Wohnung unter uns lebte Gerda B., eine alte Jüdin und Geigerin. Ursprünglich kamen wir gut mit einander aus. Sie gab uns Ratschläge bei der musikalischen Erziehung unserer Kinder und ich half ihr gelegentlich mit Dingen, die Männer meist besser können, als alte Damen. Leider kam es wegen der Klavier-Übungszeit von Maya zu Konflikten, da die Frau in ihrer Mittags- und Nachtruhe nicht gestört werden wollte und die strikte Einhaltung der von ihr bestimmten langen Ruhezeiten forderte. Maya blieben so nach der Schule und der mittäglichen Ruhezeit bis drei Uhr, nur die drei Stunden bis zum Abendessen zum Üben, und wenn sie sich mal versehentlich nicht genau daran hielt, klopfte Frau Bischof von unten wütend mit dem Besenstiel an die Decke oder klingelte Sturm bei uns. Einmal ärgerte ich mich über Letzteres so sehr, dass ich die Frau von meiner Wohnungstür schimpfend verjagte. Seither hatten wir nicht mehr miteinander verkehrt.
In der Trautenwolfstraße hatte ich aber nicht nur Wohnungsnachbarn, sondern auch Zimmernachbarn, da ich anfangs zwei und dann nur noch ein Zimmer untervermietete. Da gab es Sandra, eine kleine Studentin mit sehr dickem Po und Oberschenkeln, die ausgerechnet im Balletttanz erfolgreich werden wollte. Einmal schmolz sie in der gemeinsamen Küche auf dem Herd Wachsreste in einem Topf, um sich neue Kerzen zu fertigen. Dabei vergaß sie den Vorgang, bis verdampftes Wachs-Gas sich an der glühenden Herdplatte entzündete und in der Küche explodierte. Es knallte gewaltig und dann gab es ein seltsames Luft-Heulen, als sich das durch die Verbrennung des Sauerstoffs entstandene Vakuum durch die Tür- und Fensterritzen wieder mit Luft füllte. Seltsamerweise war kein Glas heraus geflogen, lediglich ein Riss in der Türscheibe entstanden. Das Schlimme war aber, das die Küchenwände rußgeschwärzt waren und die Farbe beim überstreichen auf dem wachsernen Untergrund nicht haften wollte.
Ein anderer Untermieter, dessen Namen ich vergessen habe, hatte zuvor in Frankfurt studiert, wo sein Vater Universitätsprofessor war. Da er dort in einer WG gewohnt hatte, in welcher auch ein Sympathisant der links-terroristischen „Bader-Meinhoff-Gruppe untergekommen war, erregte meine Wohnung nach den Anschlägen das Interesse von Fahndern der Polizei. Ob die Tatsache, dass etliche meiner Sinologie Kommilitonen Maoisten waren, oder meine Reisen nach Arabien, Nepal und China dazu beigetragen hatten, habe ich nie erfahren. Jedenfalls berichtete mir die Studentin aus Guatemala, die das Zimmer des verdächtigen Kommilitonen später übernommen hatte, dass während eines meiner Auslandsaufenthalte in Fernost eine Antiterroreinheit des Nachts in die Wohnung eingedrungen sei und alles durchwühlt hatte. Die fünf großen Pflanzen auf der Fensterbank von der Art “Cannabis Indica“, die dort wuchsen, hatten sie nicht beachtet, aber ein harmloses Walkie-Talkie konfisziert. Letzteres habe ich nie mehr zurückbekommen, weil es in der Asservatenkammer nicht gefunden werden konnte und die Blätter der Haschpflanzen zeigten später leider auch keinerlei Wirkung.
Altbauwohnung in der Siegfriedstraße.
Nachdem ich Mitte der 1980er Jahre in der Schwabinger Siegfriedstraße 6 mein erstes Büro als Untermieter der netten Familie Kordik angemietet hatte, zog ich später als Hauptmieter in eine frei werdende Wohnung als Hauptmieter. Die alte Hausmeisterin, Frau Rettinger, war aus Rumänien zugezogen und eine sehr liebenswerte und hilfsbereite Person. Die Hauseigentümerin war Frau Hosfeld, eine sportliche Frau mittleren Alters, die das große, alte Schwabinger Bürgerhaus im Gründerstil mit hohen Wänden und Stuckdecken von einer Tante geerbt hatte. Sie gab sich Mühe, das Haus zu pflegen und besondere Mieter zu finden. So wohnte einige Jahre lang der bekannte Fernsehmoderator Günter Jauch zwei Stockwerk über uns. Seine kleine Tochter kam eine Zeit lang vor oder nach dem Kindergarten gerne in mein Büro, weil sie unbedingt meinen Beo sehen, und auch hören wollte wie dieser chinesisch „Ni Hao“ und anderes sagte.
Im Erdgeschoss praktizierte ein aus Berlin stammender seltsamer Arzt mittleren Alters aus einer in Deutschland recht bekannten Familie. Seine Interessen gerieten mit der Zeit vom Medizinischen zunehmend ins Wahnhafte. Man hörte ihn in seiner Wohnung überlaut Orgel spielen, über Nacht entstanden seltsame gesprühte Linien, die sich durch das ganze Treppenhaus zogen, und eine meiner Lehrlinge wurde gelegentlich gerne vom Doktor zu dubiosen Sessions eingeladen. Nachdem dieser eigenartige Nachbar eines Tages plötzlich für immer spurlos verschwunden war, übernahm ich dessen riesige, wunderschöne Altbauwohnung und richtete in dessen vorderem Teil mein Büro ein. Der Geist des Arztes holte mich jedoch später nochmal ein, als eines Nachts um drei Uhr die Kripo mich aus dem Schlaf riss und in meine Wohnung eindrang. Man suchte Kunstwerke, die als gestohlen gemeldet worden waren; es ging wohl um einen Versicherungsbetrug größeren Stils, in den mein Wohnungsvorgänger offenbar verwickelt gewesen war. Meine an der Wand hängenden Ahnengemälde erregten das Interesse der Fahnder. Mit den geforderten Kaufbelegen für diese Bilder konnte ich ihnen allerdings nicht dienen, wofür sie letztendlich auch Verständnis hatten.
Die bei weitem wichtigste Nachbarin in der Siegfriedstraße war allerdings meine Mutter, welche in Trier vereinsamt, hierher in ihr geliebtes München gezogen war. Die Wohnung lag im selben Hochparterre, wie die meine. Hierher hatte sie nach dem Verkauf des großen Hauses in Trier ihre schönsten Möbelstücke mitgebracht und lebte noch ihre sieben letzten, schönen Jahre in ihrer Dreizimmer Altbauwohnung. Sie besuchte Theater und Konzerte, speiste in guten Restaurants und fuhr gelegentlich mit dem Taxi in teure Hotels von Aschau bis Montegrotto, Venedig und Florenz. Diese Nachbarschaft war im Allgemeinen erfreulich, wenn auch nicht immer leicht zu ertragen, z.B. wenn sie meiner Frau Vorschriften bezüglich unserer Lebensgestaltung machen wollte oder während einer Kundenberatung erschien mit der Aufforderung: „Jochilein, kannst Du mir bitte mal helfen, mein Gebiss zu suchen!“
Bauernhof in Eschenloh.
Zum Ende des Jahres 2002 zogen wir nach Eschenloh in einen abseits gelegenen ehemaligen Bauernhof, nahe Rottenburg an der Laber in der Landshuter Gegend. Nach 30 Jahren Stadtleben in München Schwabing war das schon eine enorme Umstellung, aber ich genoss die Ruhe und die Nähe zur Natur sehr.
Auf dem Hof wohnten fünf Mietparteien. Obschon wir uns unsere Haushälfte mit dem Eigentümer mehrmals angeschaut hatten, hatten wir doch völlig versäumt, auch mal bei den Nachbarn zu klingeln um zu erfahren, mit wem wir denn zukünftig die gemeinschaftlichen Bereiche teilen sollten und wie die Lebenssituation sich hier allgemein gestaltet. Im Rückblick halte ich das für sehr dumm, aber wir hatten Glück.
Maria hat uns gleich nach dem Einzug angesprochen, sich vorgestellt und uns ihre Hilfe angeboten. Leider kehrte sich unsere anfänglich gedeihliche Nachbarschaft vor ihrem Wegzug ins Negative, da sie ihren großen Hund nicht gut unter Kontrolle hatte. Fiona und Familie empfing uns auch freundlich und bot uns nach bayrischer Tradition ein gebackenes Brot sowie eine Prise Salz als Willkommensgeschenk an. Auch die anderen Familien lernten wir nach und nach kennen und schätzen. Hermann und Maria haben wir nach Jahren vieler guter Gespräche besonders ins Herz geschlossen. Ebenso Betty und Richard, denen wir unseren wunderbaren Hund Tara zu verdanken haben, als auch Matthias und Waltraut, mit denen wir viel philosophierten, kulinarische Vergnügen teilten und noch lange befreundet blieben. Auch Gerda mit ihren Tieren (Hund, Katze, Pony und Rind) ist uns in lieber Erinnerung.
Die Hofanlage bot mit ihrem Innenbereich viele Gelegenheiten zu Kontakten. Diese wurden zunehmend genutzt, indem man sich zu Kaffee und Kuchen unter der Kastanie traf, in die Wohnungen einlud und schließlich sogar einen ehemaligen Pferdestall und Gerümpelkammer mit Zustimmung des Hofbesitzers zum Partykeller ausbaute. Geburtstage, christliche Messen, Hochzeiten, Sylvester- und Faschingsfeiern, Kinderfeste, Videoabende sowie sommerliche Hoffeste wurden Jahre lang hier gefeiert. Alle gemeinsamen Aktivitäten habe ich immer aktiv unterstützt durch Einladungen, Einrichtung des Partykellers, Initiativen zur Hofverschönerung, Baumbeleuchtung usw. Versuche, sogar durch Verteilung von Handzetteln die umliegenden Bauern zu Hoffesten zu laden waren zwar nicht sonderlich erfolgreich, gelegentlich kamen aber doch einige. Ernüchternd für mich war, wenn trotz Bemühung meinerseits nur wenige dieser Bauern erschienen und ich dafür noch kritisiert wurde.
Einige der umliegenden Bauernfamilien lernten wir dennoch besser kennen. Bei einer holten wir Milch, bei der anderen Hühner, mit einer dritten ernteten wir Birnen.
Amüsant war die Anwesenheit der etwas exotischen Nachbarsfamilie Andreas und Jeselis (aus Venezuela), die zu Partys prominente Freunde ankündigten, von denen allerdings nie jemand kam.
Schwierig gestaltete sich schon mal die gemeinsame Hofpflege. Die Einteilung der Verantwortlichkeiten zum Rasenmähen war Anlass zu Zwist wegen der unterschiedlichen Größe und Lage der Wiesen sowie der verschiedenen Mähgewohnheiten. Eine Wiese wurde wegen der Äußerung eines Nachbarn über die Notwendigkeit der Pflege sogar die „Scheißegalwiese“ genannt. Das Verbrennen einer Matratze im Innenhof mit starker Rauchentwicklung und der Unmut darüber führte zu einem Eklat und Erkaltung der vorher recht netten, erlebnisreichen Beziehung zu Evi und Manu, die dann aber später wieder geheilt werden konnte. Kinder und Hunde waren naturgemäß auch gelegentlich Anlass zu Verstimmungen, allerdings bei diesen nur von kurzer Dauer, während es bei den Eltern bzw. Haltern bis zur Normalisierung etwas länger dauerte.
Alles in allem gesehen, war es aber fast zehn Jahre lang eine schöne Zeit mit guter Nachbarschaft und dadurch entstandenen Freundschaften, die sich zum Teil noch nach dem Wegzug lange fortsetzten.
Das Ende unseres Lebens auf dem Bauernhof kündigte sich an, als nette Nachbarn fortzogen, die Wohnung zunächst leer stand und dann eine schwierige Nachbarin einzog. Es war eine offensichtlich kranke Person, welche andere Hofbewohner missachtete, verleumdete, beleidigte und sogar vor Gericht verklagte (natürlich erfolglos). Nachdem dann noch die Hofeigentümerin kurz vor Weihnachten das von der Nachbarschaft gemeinsam installierte beleuchtete Weihnachtsbäumchen herausgerissen hatte weil es ihr nicht gefiel, entstand der Entschluss, hier nicht länger zu wohnen.
Marktgemeinde Wurmannsquick.
Vor unserem Umzug in den niederbayerischen Markt Wurmannsquick im Sommer 2012 hatte man uns gewarnt, dass die Leute dort, unweit des Wallfahrtsortes Altötting und des Geburtshauses von Papst Benedikt XVI „stock-katholisch“ seien. Wir schlugen diese Warnung in den Wind in der Überzeugung, wir seien ja schließlich tolerant. Ob aber die Nachbarn auch tolerant sein würden, vergaßen wir zu bedenken. Glücklicherweise hatten wir beide den Schwung, nachdem wir die Renovierung und die Einrichtung hinter uns gebracht hatten, noch bei den drei direkten Nachbarn zu klingeln um uns vorzustellen. Wir hatten die Absicht, uns von unserer besten Seite zu zeigen und gedeihliche Beziehungen aufzubauen. Also luden wir unsere neuen Nachbarn mehrmals zum Essen und Trinken ein, Su übertraf sich wie üblich in ihren Kochkünsten und ich bemühte mich redlich, mich mit exotischen, provokativen oder revolutionären Ansichten zurückzuhalten. Dies waren für mich (und wohl auch für die Anderen) gute Übungen in gelebter Toleranz, waren unter den direkten Nachbarn doch weder Hundehalter noch Globetrotter, Ausländer oder geschäftlich Selbständige. Der eine erzählte mir als Pazifisten gerne seine Kriegserlebnisse, ein anderer stellte sich entgegen meiner eher atheistisch-buddhistischen Überzeugung als sehr traditioneller Katholik heraus und der Dritte schwärmte mir als großem Tierfreund und fast-Veganer gegenüber, gerne von seiner Leidenschaft, der Jagd. Dennoch erkannten wir, dass jeder in seiner Art liebenswert war und es entwickelten sich zwischen uns durch die unbeirrt fortgesetzten Kontakte bald gute und sogar freundschaftliche Beziehungen. Man lädt sich ein, feiert, trauert und debattiert immer wieder in Liebe und Frieden.
2014